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Interview zum Thema Kinderschutz

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Vor allem die Gewalt unter den Kindern nimmt zu

Die Stiftung "Achtung!Kinderseele" will das Thema Kinder-schutz 2025 mit Unterstützung der Krosche Kinderstiftung stärker in den Fokus nehmen. Um herauszuarbeiten, warum das Thema so wichtig ist und wie es bei einem großen Kita-Träger gehandhabt wird, haben wir dieses mit Alexandra Tabak, pädagogische Fachberaterin beim AWO Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe, geführt. Frau Tabak ist zuständig für 60 Kitas der Arbeiterwohlfahrt im Kreisverband Siegen-Wittgenstein/Olpe und seit 2020 Ansprechpartnerin für unsere Kooperation mit dem Träger im Rahmen des Kita-Patenprogramms. Zu ihren Aufgaben zählt alles, was im pädagogischen Bereich liegt, u.a. die Begleitung bei der Erstellung der individuellen pädagogischen Konzeptionen und der Kinderschutzkonzepte der Einrichtungen, die Fallberatung bei herausfordernden pädagogischen Situationen und die Begleitung und Fortbildung der pädagogischen Teams.

Frau Tabak, wie ist im Kinderschutzkonzept des Trägers AWO Siegen-Wittgenstein/Olpe das grundsätzliche Recht der Kita-Kinder auf Schutz formuliert?

Unser Trägerkonzept, das für alle Einrichtungen gültig ist, besagt, dass alle Einrichtungen sich an den Kinderrechten orientieren und dass diese bedingungslos umzusetzen sind. Das bedeutet u.a. auch, dass jedes Kind ein Recht auf Schutz vor Gewalt hat, sowohl vor Gewalt innerhalb der Einrichtung, aber auch vor gewaltvollen Situationen außerhalb der Einrichtung, die das Kindeswohl gefährden. Wir stellen sicher, dass die Mitarbeiter geschult sind, Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung wahrzunehmen, um nötigenfalls entsprechend der im Sozialgesetzbuch festgelegten Verfahren handeln zu können.

Was beinhalten diese Verfahren?

Sie regeln die Möglichkeit, dass die Einrichtungen sich beraten lassen können, wenn sie Verdachtsmomente einer Kindeswohlgefährdung haben. Das heißt die Mitarbeiterin-nen können intern beim Träger, aber auch extern bei qualifizierten Mitarbeitern aus dem Jugendhilfebereich anonymisiert den Fall vorstellen und sich beraten lassen. Sprechen die Anzeichen, die wahrgenommen worden sind, wirklich für eine Kindeswohlgefährdung? Was sind die nächsten Schritte, die zu veranlassen sind? Wir haben für unsere Einrichtungen verschiedene Checklisten entwickelt, um Verdachtsfälle zu überprüfen und zu beschreiben, in welchem Bereich die mögliche Kindeswohlgefährdung liegt, aber auch welche Ressourcen und Möglichkeiten in der Familie gesehen werden, um Stärkungspotenzial zu aktivieren. Sinn und Zweck ist ja immer, zunächst zu evaluieren, ob es noch Möglichkeiten gibt, mit Kind und Familie ins Gespräch zu gehen, um die Gefährdungssitua-tion abzuwenden. Erst im letzten Schritt geht die Meldung ans Jugendamt, wenn Eltern nicht bereit oder in der Lage sind mitzuwirken oder wenn Maßnahmen zur Abwendung der Gefährdung nicht greifen.

Das klingt durchdacht. Seit wann haben Ihre Kitas ein Kinderschutzkonzept?

Seit 2014 steht unser Trägerschutzkonzept. Wobei ich sagen muss, dass wir hier durchgängig in der Reflektion und Anpassung unseres Konzeptes sind. Die erhöhten Fallzahlen und Bedarfe der Einrichtungen und der von uns begleiteten Familien haben uns in 2024 dazu veranlasst eine neue Vollzeitstelle „Fachkraft Kinderschutz“ zu schaffen, um dem wichtigen Thema mit all seinen Facetten gerecht zu werden. Unsere Ampelbögen, also die Instru-mente, die wir nutzen zur Klärung und zur Einschätzung einer Gefährdung, sind zum Beispiel letztes Jahr unter Beteiligung von Fachkräften aus unseren Einrichtungen ergänzt worden. Bis vor einigen Jahren war das Thema digitale Medien noch überhaupt nicht so präsent und wichtig, wie es das jetzt ist, wo jeder immer ein Smart-phone in der Tasche hat. Leider konsumieren schon sehr kleine Kinder für ihren Entwicklungsstand schädliche Inhalte. Wir schauen konstant, welche neuen Herausforde-rungen es gibt und lassen diese in das Konzept einfließen.

Seelische Gesundheit und Kinderschutz hängen eng zusammen. Ein Kind, das Gewalt oder Vernachlässigung erfahren hat, leidet mitunter Jahre oder ein Leben lang darunter. Für Kitas bedeutet das eine große Verantwor-tung. Gleichzeitig sind die Herausforderungen gewach-sen. Häufig herrscht Personalnot, während mehr Kinder mit geringen Deutsch-Kenntnissen und von zu viel Medienkonsum überreizten Gehirnen betreut werden. Wie gehen Sie damit um?

Diese Problematik trifft auch uns sehr vielschichtig und ist in den einzelnen Kitas sehr unterschiedlich gelagert. Wir reagieren auf die Belastungen für die Einrichtungen, indem wir versuchen, mit einem jährlich angepassten Fortbildungskonzept auf aktuelle Probleme einzugehen und den Mitarbeiterinnen Ideen und Impulse zu vermitteln

Was wir seit vier Jahren konsequent machen, ist ein Schließtag in allen unseren Einrichtungen zur Erweiterung des Schutzkonzepts, wo wir ganz gezielt in Form einer Risikoanalyse schauen, was wir anpassen müssen. Welche Schwierigkeiten sind da, welche gesteuerten Fortbildungen müssen angeboten werden, wo müssen wir vielleicht mit externen Netzwerkpartnern enger zusammenarbeiten? Dann wird beispielweise für einzelne Einrichtungen die Suchthilfe als Beratungspartner stärker in den Fokus genommen, weil die Familien da diese Unterstützung brauchen, oder eine Erziehungsberatungsstelle. Jede Einrichtung muss ganz individuell für sich einmal im Jahr reflektieren: Welche Risiken bestehen? Wie können wir den Bedarfen der Kinder und der Familien gerecht werden? Wohl wissend, dass das alles Dinge sind, die gut funktionieren bei einer guten oder zumindest akzeptablen Personalsituation und nicht so gut je schlechter diese ist. Das Wohl der einzelnen Kinder genau im Blick zu haben, ist bei einer starken Unterbesetzung natürlich schwierig. Es gibt leider immer auch Phasen in den Einrichtungen, wo das den Mitarbeiterinnen wahnsinnig viel abverlangt.

Dieser feste Rahmen ist bestimmt sehr hilfreich für das Kita-Personal...

Ja, und genauso für die Eltern. Wir machen die Personal-situation immer möglichst transparent sichtbar. Die Eltern erfahren beim Betreten der Kita oder in der digitalen Eltern-App in Form einer rot-gelb-grünen Ampel, wie die Personal-situation aktuell aussieht. Dann verstehen sie eher, dass vielleicht mal der Waldtag nicht stattfinden kann oder die Öffnungszeiten gekürzt werden müssen, weil einfach nicht genug Mitarbeiter da sind, um das Regelangebot aufrecht zu erhalten. Auch wenn wir versuchen, über eine gute Personaleinsatzplanung und die Unterstützung durch Kolleginnen aus unserem noch recht neuen Einsatzteam, Einschränkungen in den Angeboten und Öffnungszeiten zu vermeiden.

Zurück zum klassischen Kinderschutz. Mit welchen Formen von Gewalt oder Vernachlässigung werden Sie in Ihrer Arbeit häufiger konfrontiert?

Die häufigsten Vorfälle, die wir haben, betreffen gefährden-des Verhalten von Kindern gegenüber Kindern, das klassi-sche Schubsen, Beißen, Kratzen, Dinge durch die Gegend schmeißen. Das gab es schon immer, aber es hat in Häufigkeit und Intensität zugenommen. Die Situationen gestalten sich immer schwieriger für die Kollegen und Kolleginnen, weil sie häufig den Punkt, an dem Kinder in ihrer Überforderung aggressiv reagieren, nicht abschätzen können und das auch kaum beeinflussen können.

Dazu kommt eine steigende Zahl von Kindern mit Beeinträchtigungen und Verdachtsdiagnosen oder auch Kinder mit diagnostizierten Verhaltensstörungen. Kinder z.B. mit Autismus-Spektrums-Störungen kommen schnell in Überforderungssituationen, wenn sie mit zu vielen Menschen und zu viel Lärm konfrontiert sind. Sie wissen sich dann mitunter nicht mehr anders zu helfen als mit Aggressivität auf ihre eigene Stresssituation zu reagieren. Was im letzten Jahr auch deutlich angezogen hat, sind Übergriffe mit sexualisierter Gewalt von Kindern untereinander. Also dass da Grenzen nicht mehr gewahrt werden, dass Berührungen stattfinden, dass die Schamgrenze der Kinder untereinander nicht mehr geachtet wird.

Und wenn man an das klassische Szenario denkt, also Erzieher:innen oder Eltern, die aus Überforderung übergriffig oder gewalttätig werden oder Eltern, die ihre Kinder aufgrund einer Suchtproblematik vernachlässigen?

Das ist immer ein Thema, aber da hat sich für uns in der Qualität oder in der Heftigkeit nicht viel verändert. Mehr geworden ist eher die psychische Gewalt und infolgedessen Kinder, die sehr unter Druck stehen, weil sie außerhalb der Kita mit Drohungen, Sanktionen und Liebesentzug konfrontiert scheinen. Und das macht es noch mal so viel schwieriger, gerade für die Fachkräfte. So schlimm wie sich das anhört, aber blaue Flecken oder körperliche Spuren, die hinterlassen worden sind, sprechen einfach eine deutliche Sprache, während psychische Gewalt schwer greifbar und damit auch schwer bearbeitbar ist.

Welche Rolle spielen Fernsehen und digitale Medien schon in diesem jungen Alter? Beschäftigen sich viele Kinder schon zu viel damit oder konsumieren sie schon unangemessene Inhalte?

Das gibt es leider. Es gibt einerseits Eltern, die die Medien-nutzung sehr gut und sehr bewusst steuern, die ihre Kinder begleiten, die wissen, was ihre Kinder schauen. Aber es gibt auch genauso Eltern, die vollkommen überrascht sind, was ihre Kinder alles schon können. Wir haben mal einen Elternabend anberaumt, weil Kinder von der brutalen Serie „Squid Game“ erzählt haben, die definitiv nicht für Kita-Kinder geeignet ist. Da waren Eltern sehr erschrocken, dass ihr Kind, das noch nicht lesen und schreiben kann, zu Hause am Smartphone oder Tablet einfach auf Google geht, auf das Mikrofon drückt und sagt, zeig mir dies und das und dann Ausschnitte aus Formaten für Erwachsene serviert bekommt.

Kann man da eine direkte Verbindung herstellen? Also dass Kinder, die sehr viel unreguliert ins Smartphone oder Tablet starren, aggressiver sind?

Es geht eher um den Inhalt als um die Stunden. Wenn Inhalte konsumiert werden, die die Kinder nicht begreifen und verarbeiten können, die sie belasten, werden diese zum Teil sehr exzessiv in Rollenspielen in der Kita ausagiert. Wenn das dann zu einer Verletzung oder einem Schmerz bei einem anderen Kind führt, ist das häufig nochmal eine Schocksituation für die Kinder, weil sie damit überhaupt nicht gerechnet haben.

Zurück zum Kinderschutz innerhalb der Kita: Was passiert, wenn Eltern sich über ruppiges Verhalten eine Erzieherin beschweren? Gibt es da auch ein klares Protokoll, hinter dem Sie stehen und wo sie sagen, das führt dann auch zum richtigen Ergebnis?

Das gibt es, wobei wir schon versuchen, viel früher anzusetzen, indem wir aus allen Einrichtungen gezielt Mitarbeitende verpflichten, an unserem Kinderschutzkurs teilzunehmen. Und da ist es uns wichtig, sowohl die Leitung als auch Fachkräfte aus den Einrichtungen zu schulen, weil man dann auf Augenhöhe spricht, wenn im Team vereinbart ist, welche Verhaltensweisen in Ordnung sind und welche nicht – auch untereinander und gegenüber den Eltern. Es ist wichtig, dass jeder den Kollegen sagen darf, pass mal auf, ich glaube, hier ist was, das ist nicht gut gewesen. Egal, ob das die Auszubildende ist oder jemand, der schon 30 Jahre da ist oder eine Leitung. Falsches Verhalten passiert ja in der Regel in schlechten Momenten, in Überforderungs-Situationen. Sei es, dass die Personalsituation schlecht ist oder dass jemand eine private Belastung hat. Wir ermutigen die Erzieherinnen, da sensibel zu sein und zu sagen, weißt du was, ich übernehme jetzt mal für dich, damit das ein Signal an die Kollegin ist, tief durchzuatmen und sich zu regulieren, ohne der Kollegin böse zu sein, dass sie eingeschritten ist oder sie gar untergraben hat. Das sind Verhaltensregeln, die wir deutlich ansprechen. Bis dahin, dass wir eine feste Meldekette haben und auch eine Verfahrensanweisung aufgesetzt haben, was zu tun ist, wenn es zu einem ungewünschten Verhalten kommt. Dann gibt es zunächst ein Gespräch, wo man auch schaut, was hat diese Situation hervorgerufen? Aber in letzter Instanz erfolgt auch eine arbeitsrechtliche Prüfung  von Maßnahmen, wenn es nicht ein einmaliges, situationsgebundenes Fehlverhalten ist, sondern eine Grundsatzproblematik, dass jemand in irgendeiner Form Machtmissbrauch betreibt.

Haben Sie das Gefühl, dass der Kinderschutz in der Ausbildung von Erzieherinnen und sozialpädagogischen Assistentinnen eine angemessene Rolle spielt?

Leider nein. Es ist sehr an die Persönlichkeit der Lehrkraft gekoppelt. Wir haben Auszubildende und Mitarbeiterinnen, die sehr gut aufgestellt sind, wenn sie eine Lehrkraft hatten, der das Thema am Herzen lag. Wir haben aber auch immer wieder die Rückmeldung, wir brauchen da noch was, weil wir in der Ausbildung nur schnell auf die Paragraphen geschaut haben und das war es.

Welche Ressourcen, Anlaufstellen oder gesetzlichen Änderungen würden Sie sich wünschen, damit der Kinderschutz noch besser umgesetzt werden kann?

Ich würde mir für die Familien und die Kinder viel mehr niederschwellige Unterstützungs- und Beratungs-Angebote wünschen, gerade auch in ländlichen Gebieten. Die Möglichkeit, sich Unterstützung zu holen, ohne jegliche Sorge, dass das negative Folgen haben könnte. Eltern mit Problemen haben leider immer die Befürchtung, dass die Kinder aus der Familie genommen werden, wenn sie sich offenbaren. Schön wäre auch eine Finanzierung für altersentsprechende Bücher und Spiele zu wichtigen Themen, die die Kinder mitnehmen können. So könnte die pädagogische Arbeit in der Kita auch zu Hause fortgeführt werden.

Über die Stiftung

Die Stiftung Achtung!Kinderseele wurde 2009 von den Fachgesellschaften für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie (DGKJP, BAG, BKJPP) gegründet.

Wir setzen uns in enger Zusammenarbeit mit ehrenamtlich engagierten Fachärztinnen und Fachärzten für die Stärkung der seelischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ein.

Stiftung Achtung!Kinderseele

c/o HST Hanse StiftungsTreuhand GmbH
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